Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL)
in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg


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Spazieren gehen – heute aber mal anders

Ein Beitrag der EFL-Hamburg-St. Georg

Die kalten Monate stehen uns bevor, die Neuinfektionen sind unvermindert hoch und wir befinden uns erneut in einem Monat mit verstärkten Regelungen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen; Zusammenkünfte mit fremden Menschen in geschlossenen Räumen soll man verstärkt meiden. Viele Orte des Zusammenkommens und der Freizeitgestaltung haben geschlossen. Was bleibt da anderes übrig als wieder die Spaziergänge im eigenen Viertel?
Geht es Ihnen auch so, dass Sie mittlerweile ihr eigenes Wohnviertel, ziemlich gut zu kennen meinen? Die zahlreichen Spaziergänge während des Lockdowns in den Monaten März und April haben auch die letzte noch unbekannte Ecke in der Umgebung „geläufig" gemacht. Schnell ergaben sich vermutlich die schöneren Strecken – die Wege, die man dann routiniert läuft, wenn man sich eben mal die Beine vertreten möchte.

Eine kleine Methode bringt vielleicht doch noch eine neue, überraschende Erfahrung vor der eigenen Haustür hervor. Wie wäre es, wenn Sie sich einfach mal geplant verlaufen? Das „geplante Verlaufen" ist eigentlich eine Methode aus den performativen Künsten und dient dazu, Inspiration und Kreativität zu wecken sowie die Wahrnehmung zu stärken. Aber vielleicht kann sie privat angewandt auch Neues hervorbringen. Hierfür eine kleine Anleitung:
Das geplante Verlaufen geht am besten allein; schön ist aber, wenn man sich danach mit anderen austauschen kann, die die Methode an ihrem Wohnort ebenfalls angewandt haben. Und nun folgen Sie einfach nachfolgenden Handlungsanweisungen. (Diese funktionieren gut im städtischen Kontext. Wenn Sie damit in Ihrem Wohnumfeld an Grenzen stoßen, passen Sie diese doch kreativ an.)

1. Ziehen Sie sich ein Paar Schuhe oder eine Jacke an, die Sie schon lange nicht mehr getragen haben. Führen Sie das Kleidungsstück feierlich aus. Wie fühlt es sich an? Was verbindet Sie mit diesem Kleidungsstück?

2. Verlassen Sie Ihr Haus und gehen Sie zur nächsten Straße oder zum nächsten öffentlichen Platz, an dem mehr Menschen sind.
Tun Sie dies durch die Verwendung von Wegen, die auch eine Person mit einem Rollstuhl nutzen könnte. Machen Sie gegebenenfalls Umwege.

3. Verweilen Sie eine kurze Zeit und nehmen Sie die Umgebung wahr: Stellen Sie sich vor Ihrem inneren Auge vor, wie die Umgebung im Frühling aussehen würde. Was wäre anders?

4. Gehen Sie von dort eine beliebige Straße entlang, bis Sie drei Kreuzungen passiert haben. Halten Sie bei der dritten Kreuzung inne und sprechen Sie ein Gebet oder denken Sie an eine Person, der Sie Gutes wünschen.

5. Ist Ihr Alter gerade: Gehen Sie nach links. Ist Ihr Alter ungerade: Gehen Sie nach rechts.

6. Stoppen Sie, sobald Sie einen Menschen sehen, von dem Sie gerne einmal ein Geheimnis erfahren würden.

7. Schließen Sie die Augen. Konzentrieren Sie sich auf die Gerüche in der Luft und beschreiben Sie sie sich selbst möglichst detailliert: Welche Komponenten riechen Sie? Welche Erinnerungen sind damit verbunden?

8. Wenn ein Hund oder ein Kinderwagen an Ihnen vorbeikommt, folgen Sie ihm.

9. Machen Sie halt, wenn Sie an einem Ort vorbeikommen (kann auch ein Geschäft oder Restaurant sein), der Sie befremdet. Verweilen Sie solange, bis Sie in einem Satz ausdrücken können, was genau Sie befremdet. Schreiben Sie diesen Satz auf.

10. Kehren Sie zum öffentlichen Platz zurück. Halten Sie beim Rückweg Ausschau nach einem Gegenstand, den Sie für ein Wunder halten. Stecken Sie diesen ein.

11. Wenn Sie wieder am öffentlichen Platz sind: Suchen Sie sich einen guten Ort, um eine Weile still zu stehen.

12. Tun Sie es. Betrachten Sie es als einen politischen Akt; als einen Weg, „Stellung zu beziehen".

13. Kehren Sie zum Ausgangspunkt zurück (Zuhause, Büro...). Denken Sie auf dem Rückweg über einen friedlichen und einen stressigen Moment während dieser Reise nach.

14. Wenn Sie zurück sind: Gehen Sie in das Bad und waschen Sie Ihre Hände mindestens 30 Sekunden lang. Tun Sie dies als ein Akt der Zärtlichkeit gegenüber Ihren Händen. Gönnen Sie ihren oft gewaschenen Händen danach noch etwas Handcreme.

Nehmen Sie sich im Anschluss etwas Zeit zur Reflexion: Wer oder was ist mir aufgefallen? Wo habe ich mich wohl und wo unwohl gefühlt? Welche Fragen oder Gedanken gehen mir nach? Hat der Spaziergang meine Wahrnehmung der Stadt und meines Stadtteils verändert? Wenn ja, inwiefern? Wenn Nein, woran könnte das liegen?
Und für den nächsten Spaziergang: Schaffen Sie sich doch vorher neue Handlungsanweisungen.

Der Beitrag ist inspiriert von der Darstellung des geplanten Verlaufens in „Kirche in Beziehung. Handreichung zum Pastoralen Orientierungsrahmen" des Erzbistums Hamburg, S. 77f. (www.erzbistum-hamburg.de/ebhh/pdf/2018/Handreichung-zum-POR.pdf)